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Kurier Wien 2007.07.07 Himmel & HölleWeltstar Angelika Kirschschlager hat sich keiner Turbutenz des Alltags mit Kind, Kunst und Liebe verwehrt. Jetzt wurde sie Kammersängerin und Mazarteum-Professorin. Ein Lebensabschnitt. Sie wird leiser. von Ro Raftl „Frau Kammersängerin, Frau Professor! Seltsam. Plötzlich bin ich so erhaben und anonym.” Der wuschelköpfige Weltstar im T-Shirt lacht gegen untertänige Gratulationen an: „Ich hab mir deshalb einen Hometrainer gekauft. Es ist ein Lebensabschnitt,” Angelika Kirchschlager, in Wien wohnender Salzburger Mezzosopran, dessen süße, klare, kraftvolle Stimme Zuhörer und Kritiker verzückt, wird am 24. November 42. „Man muss akzeptieren, dass man bei den 40- bis 50-Jährigen steht. Das ist jetzt mein Platz. Plötzlich macht's wusch! Man altert tatsächlich in Schüben. Ich hab das gar nicht mitgekriegt.” Doch Melancholie ist fehl am Platz. Von Alter ist da nix zu sehen: Sie sieht glänzendhäutig appetitlich aus. Saftig, mädchenhaft, belebt von sprechenden Augen im Wechselspiel von Ernst und Witz. „Trotzdem muss man das verarbeiten”, kontert sie. „Es schön finden. Sich sagen, du schaust einfach in die falschen Schaufenster. In den Teenieladen pimkie brauchst gar nimmer reingehen.” Wiens jüngste Kammersängerin, seit Juni auch Gastprofessorin an ihrer Musikuniversität, dem Salzburger Mozarteum, wird kommendes Jahr die Clairon in Strauss Capriccio an der Staatsoper neu einstudieren, den Hänsel in Humperdincks Hänsel und Gretel am Londoner Covent Garden und eine szenische Realisation von Kurt Weills Sieben Todsünden am Pariser Théâtre des Champs Elysées. Ihr Sohn Felix, „mein Lebens-Mittelpunkt, die einzige Konstante, die ich für mich hab”, brachte das erste Jahr im Wasa-Gymnasium hinter sich, „denkt aber zu viel, um sich mit der Mathematik anzufreunden: Für ihn ist die Welt viel farbiger.” Weshalb der Mutter mehr daran liegt, längere Zeiten in Wien zu arbeiten als die Opernhäuser in aller Welt zu besingen. Außerdem zieht's die gerühmte Sophie aus dem kontroversiell aufgenommenen Stück Sophies Choice immer stärker zum Liedgesang: „Ich werde nicht lauter, sondern leiser.” Angelika Kirchschlager steht am Boden. Sehr: „Sonst würde alles drunter- und drübergehen. Zuerst muss man die Wirklichkeit bewältigen, dann kann man an die Kunst denken. Laien stellen sich das so vor: Eine Diva singt ein- bis zehn Mal im Monat, den Rest der Zeit liegt sie auf der Chaiselongue, während die Haushälterin kocht und den Tee serviert. Aber nein. Man verbringt sehr viel Zeit damit, die praktischen Dinge zu organisieren, vor allem mit Kind und wenn man verreist. Von der Steuer darfst übrigens weder Flugtickets noch Hotelzimmer für das Kindermädchen absetzen. Man kann sich nicht so bewegen, wie man glaubt.” Rosenkriege mit Menschen, die sie einmal geliebt hat, fände Angelika lächerlich. Neulich, bei einem Schülertreffen zu Ehren ihres einstigen Gesanglehrers hatten ihr Ex-Verlobter, Tenor Wolfgang Gratschmaier, ihr Ex-Ehemann Kammerer und sie selber eine Riesenhetz. Später stieß noch ihr Lebensgefährte, Filmemacher Julian Pölster dazu. Selbstverständlich. Friede, Freude, Harmonie. Vor einigen Jahren, in Paris, hat sie ihre Schmerzgrenze fast überschritten. Er war Musiker. Himmel. Und Hölle. Als es vorbei war, versagte ihr fast die Stimme. Ihre Freundinnen, alle berufstätig, alle mit Kindern, haben sie gehalten. Jeden Tag erzählte sie jeder die gleiche Geschichte. Wieder und wieder und wieder. Sie haben ihr zugehört, symbolisch mit ihr „das Band” durchschnitten, nie gelacht, wenn sie schwor: „Schluss. Ich muss innerlich Schluss machen.” Alles vergeblich. Sie wurde schlank wie nie. Bis eine zu ihr sagte: „Das darf niemand mit dir machen!” Dieser Satz habe sie gerettet, glaubt die Sängerin. Den soll man allen Frauen weitersagen. Jeder passiert so was, irgendwann. Als Weltereignis. „Drum darf man den Satz nicht vergessen, wenn es einem wieder gut geht. Der Schmerz über diese verlorene Liebe hat mein ganzes Leben aufgerissen und verändert. Heute steh ich anders da, und kann sagen: Ich bin stärker als vorher! Manche Menschen müssen eine andere Rolle erfüllen, als man sich von ihnen erwartet hat, wenngleich nicht weniger bedeutend.” Dann rast Frau Kammersängerin davon: Felix kommt vom Schulausflug und hat keinen Wohnungsschlüssel. ro.rafttfdkurier.at |