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Josef Wallnig
Männliche und weibliche Musiksprache in Mozarts "Le nozze di Figaro"
 Man könnte die Frage nach "männlich und weiblich" in der Oper sehr simpel mit der Zuordnung des Tonmaterials zu den entsprechenden Stimmfächern beantworten. "Männlich" und "weiblich" scheint im vokalen Bereich scheinbar eine Funktion der Länge der Stimmbänder zu sein: bedient sich ein Mann durch Falsettieren der hohen Frauenstimmlage, so wird dies als parodistisch, ja komisch empfunden. Dass die musikalische Rhetorik ebensowenig geschlechtslos ist wie die Sprache selbst, wird jedoch als feingesponnenes Netz geschlechtsspezifischer Diskurstypen erst bei verschiedener Beleuchtung und vor verschiedenem Hintergrund sichtbar. Die Übernahme dieser Diskurstypen durch das jeweils andere Geschlecht ist hingegen weit entfernt von plumper Falsett-Parodie, und trägt affirmativ zur Verstärkung und Vertiefung des Systems an sich bei.
Der Punkt, an dem wir unsere Analyse ansetzen wollen, ist Mozarts Oper
"Le Nozze di Figaro" aus dem Jahre 1786. Die Voraussetzungen, die
Vorgaben, die Beaumarchais in seinem Drama und da Ponte in dem darauf
fußenden Libretto schufen, nämlich die Verknüpfung eines adeligen
Paares und eines Paares der Bedienstetenklasse oder besser "Kaste", in
burleskem Wirbel des "tollen Tages" in Beziehung gesetzt, hat ein
dritter Mann, nämlich Wolfgang Amadeus Mozart, aus der Sicht eines
Mannes wiederum, aber in Kenntnis eines altüberlieferten
Charakterisierungskanons in musikalische Szene gesetzt. Die
Möglichkeit, geschlechtsspezifische Diskurstypen in ihrer Anwendung
durch eine Komponistin kennenzulernen und sie der männlichen
Kompositionsweise gegenüberzustellen, fehlt; zumindest auf dem Sektor
der Oper und auf die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts bezogen. Zu
dieser Zeit war das musikalisch-rhetorische Material, auf der Figuren-
und Affektenlehre des Barock basierend, auf Grund ihres Formalismus
allgemein dechiffrierbar. Komponieren hieß also Übersetzen eines
Affektes (text- oder situationsgebunden) in ein systemgeprägtes Kürzel.
Das Interesse des Rezipienten, des Interpreten wie des passiv -
aktiven Musikkonsumationsendverbrauchers galt nicht der musikalischen
Erfindung an sich, sondern vielmehr der Kombinationsleistung des
Komponisten, welche der vorgegebenen musikalischen Metaphern er denn
nun zur musikalischen Bebilderung kombinieren würde. Diese Form der
Musikproduktion und. der Musikkonsumation stand somit in scharfem
Gegensatz zur romantischen Kunstauffassung des 19. Jahrhunderts, der
Einfall sei "göttliche" Eingebung oder ein Produkt genialen
Künstlergeistes. Dass die musikalisch-rhetorischen Figuren anderseits
noch von Beethoven angewendet wurden und im 18. Jahrhundert ihren
Kommunikationswert beibehalten hatten, unterstreicht die Wichtigkeit
der Forderung Johann Matthesons, der im "Vollkommenen Capellmeister"
1739 die beste Zusammenfassung der barocken Topik gegeben hat, die
Forderung nämlich, man müsse sich die Mühe geben, die liebe Grammatik sowohl als die
schätzbare Rhetorik und werte Poesie auf gewisse Weise zur Hand nehmen:
denn ohne diese schöne Wissenschaften vor allem die gehörige Kunde zu
haben, greift man ein Werk ungeachtet des übrigen Bestrebens doch nur
mit ungewaschenen Händen und fast vergeblich an. 1 Durch jene verlorengegangenen Selbstverständlichkeiten, durch den
Verlust jener gemeinsamen Kommunikationsebene, auf der sich auch die
Musikrezipienten bewegten, fällt es heute nicht mehr auf, wenn an allen
Ecken und Enden "ungewaschene Hände" Werke entstellen.
Wenige Analysen haben sich bisher mit dem Einfluss der Figurenlehre auf
Mozarts Werk beschäftigt 2, Gunthart Borns Recherchen aus dem Jahre
1986 haben unter dem Titel "Mozarts Musiksprache entziffert" bei an
sich richtigem Ansatz zu skurrilen Schlussfolgerungen geführt.
Untersuchungen über geschlechtsspezifische Diskurstypen und ihre
musikalische Entsprechung in Mozarts Opern haben meines Wissens bisher
nicht stattgefunden, und so möchte ich Sie einladen, eine erste
Materialsichtung und Bewertung am Beispiel "Figaro" mit mir
vorzunehmen. Als Weg der Analyse schlage ich vor, die Arien der Oper
vorerst nach äußeren Kriterien zu untersuchen: Tempo, Taktart, Tonart
und damit zusammenhängend auch Instrumentation. Als zweiter Schritt
soll exemplarisch an den Schlusswendungen der Arien die grundsätzliche
Differenzierung männlicher und weiblicher Musiksprache demonstriert
werden. Innerhalb dieser Interpretationsmodelle soll darüber hinaus
auch versucht werden, die unterschiedlichen musikalischen Diskurstypen
für "adelig" und "nicht adelig" herauszuarbeiten, jeweils in bezug auf
eine exakte innere und äußere Situation der handelnden Personen. Zum
Abschluss möchte ich das erste Duett Figaro - Susanna unter
Einbeziehung der Figurenlehre, quasi akustisch-optisch analysieren, in
Mozarts Kompositionstechnik mit der Frage nach musikalischen
geschlechtsspezifischen Diskurstypen in einen Sinnzusammenhang zu
bringen.
Betrachtet man vorerst die beiden Gräfinnen-Arien und die Grafen-Arie
sowohl wie die drei Figaro und die beiden Susannen Arien unter dem
Aspekt der Taktart, so fällt auf, dass die Arien des Grafenpaares in
geraden Taktarten, also 2/4 und 4/4, komponiert sind. Beim Dienerpaar
erscheint hingegen je einmal die ungerade Taktart 3/4 und 6/8, nämlich
in Figaros Cavatine, gemischt mit 2/4 Takten und bei der sogenannten
"Rosenarie" Susannas aus dem 4. Akt im pastorell - bukolisch
schwingenden 6/8 Takt. Ähnlich beantwortet sich auch die Frage nach
sozialer Differenzierung, legt man den Parameter des Tempos zu grunde.
Die Gefühls- und Situationsreflexionen der Gräfin werden im Larghetto
und Andante abgehandelt. Erst unter dem Aspekt der Hoffnung auf
bessere, sprich: treuere Zeiten an der Seite des Gatten ändert sich der
Charakter der zweiten Arie im bewegten Allegro. Dem cholerischen Grafen
ist in seiner Arie über das (sexuelle) Glück, das ihm ein / sein Knecht
Figaro entzieht, vorerst ein Allegro, allerdings sozial differenziert
als Allegro maestoso zugewiesen; man schäumt also standesgemäß! Der
Schlussteil der Arie mit der Hoffnung auf Triumph, Rache, Platz und
Sieg im Sinne des ius primae noctis, das zwar aufgehoben, deswegen aber
de facto keineswegs weniger praktikabel erscheint, reißt den Grafen in
ein strettaähnliches Allegro assai.
Die schnellen Tempi bei Figaro und Susanna sind (sozial) eingebremst.
Figaros Aufbegehren gegen den Grafen und gegen den adeligen Stand
bedient sich eines Allegretto-Menuetts, einer im Kommunikationswert der
damaligen Zeit alten feudalen Form, die vor allem auch durch die
Presto-Einschübe doppelt gebrochen erscheint. Diese Ironie der alten,
überalteten Musikformen und die durch Mozart dadurch erreichte Distanz
zum niedergehenden Feudaladel findet sich noch an anderen Stellen der
Oper wieder. Das Allegro-Tempo der zweiten Figaro- Arie "Non piu"
andrai" charakterisiert das Militärleben, das nun auf Cherubino zukommen soll: ein Marschtempo, das seine Spannung aus dem vergangenen
galanten Leben und der Erwartung von Kugelblitz und Kanonendonner
bezieht. Und auch in der dritten Arie Figaros sorgt der Zusatz
"moderato" zur Grundtempobezeichnung Allegro für retardierende
Differenzierung, wobei das Außer- sich- geraten Figaros über die
Flatterhaftigkeit der Frauen mit greller Dynamik, großen Sprüngen in
der Gesangsstimme und instrumentalem Explosionsstoff in der
Infrastruktur der Orchesterbehandlung recht drastisch auf der Grundlage
jenen Allegro moderato-Tempos gemalt wird. Wäre das Grundtempo
schneller, würden diese Charakterisierungsmittel an Intensität
verlieren.
Susannas erste Arie illustriert die Verkleidung Cherubinos in
Frauenkleider; dramatisch vom orchestral-kommentierenden Geschehen
abgesetzt, im belebten, aber nicht zu schnellen Allegretto genau der
komödiantischen Situation angepasst; aber ebenso der Anweisungs- und
Befehlshoheit des Kammermädchens Susanna dem jungen adeligen Cherubino
gegenüber entsprechend. Das Andante der zweiten Susannenarie, der
Rosenarie, ergibt sich beinahe zwangsweise aus dem ruhig strömenden 6/8
Takt: eine letzte, auch dramaturgische Beruhigung vor der Lösung des
Knotens. Fassen wir nun die Parameter Taktart und Tempo zusammen, so
ergeben sich jene als Funktionen der Gefühls- und Situationslage der
jeweiligen Personen ungleich mehr durch ihre soziale als durch ihre
geschlechtsspezifische Zuordnung geprägt.
Betrachtet man in "Le Nozze di Figaro" die Disposition und den Aussagewert der verschiedenen Tonarten, so muss man vorerst einen Blick auf den
allgemeinen Symbolgehalt der Tonarten im 18. Jahrhundert werfen 3. Die Zuordnung der Tongeschlechter Dur / Moll zu Affektsphären war
keinem starren Schematismus unterworfen, wie auch dem Zitat aus Johann
Joachim Quantz" Flötenschule zu entnehmen ist: Die harte Tonart (Dur) wird gemeiniglich zu Ausdrückung des Lustigen,
Frechen; die weiche (Moll) aber zur Ausdrückung des Schmeichelnden,
Traurigen und Zärtlichen gebraucht. Doch leidet diese Regel ihre
Ausnahmen. 4
Unabhängig von diesem generellen symbolischen Gebrauch von Dur und Moll
bildet sich im 18. Jahrhundert ein Kanon der Bedeutungen verschiedener
Tonarten heraus: C-Dur galt als festlich, aber / und problemlos, es
wurde von der Festlichkeit des strahlenden D-Dur noch übertroffen,
vielleicht auch, weil dieser Tonart oft die helle Strahlkraft der
D-Dur-Trompeten hinzugefügt wurde. G-Dur stand für "fröhlich-naiv",
F-Dur für pastorellen Liebreiz, Es-Dur gewann im orchestralen Kleid des
Naturhorns und der Klarinetten vor allem zur Zeit Mozarts den Charakter
weicher Kraft und Fülle. Ein besonderes Kapitel müsste man der Tonart
g-moll einräumen, der Tonart des größten Leides, der Todesnähe und des
Todes, die naheliegenderweise in "Figaro" in dieser Symbolbedeutung
überhaupt nicht vorkommt, die jedoch, ebenso naheliegenderweise,
geradezu systemimmanent die Tonart der Paminen -Arie ist.
Den Opern Mozarts ist jeweils eine Tonart als Grundtonart eigen: sie
verknüpft die Teile miteinander, wirkt wie ein steter Grundwasserstrom,
auf den hin alles bezogen wird. Ist es in der "Zauberflöte" Es-Dur, im
"Don Giovianni" d-moll, so ist die zentrale Tonart des "Figaro" D-Dur,
Der Reigen aller anderen Tonarten geht von D-Dur aus, in den
Final-Schlüssen und an besonderen dramaturgischen Punkten der
Entwicklung wird diese Grundtonart immer wieder aufgesucht. Der
Tonarten--Fahrplan ist als Reißbrettkonstrukt von ähnlicher
dramaturgisch-logischer Konsequenz wie Romankonstruktionen Heimito von
Doderers. Untersucht man die Arien aus dem Tonartenzusammenhang gelöst, so ergibt
sich als erstes die interessante Feststellung, dass die zentrale Tonart
D-Dur in Richtung der Kreuztonarten nicht überschritten wird. Neben der
prunkvollen Grafen-Arie steht noch Bartolos Arie in D-Dur, beide im
instrumentalen Kleid der Oboen, Trompeten, Pauken-Besetzung, im einen
Fall als Zeichen sozialer Würde, im anderen Fall als deren Persiflage,
der Persiflage und der Verunglimpfung eines aufgeplusterten, hohlen
Akademismus, der leere Wortgeklüngel mit Trompetenschall
schwerwiegenderzumachen vorgibt.
Dem buffonesken G-Dur entspricht die Verkleidungsarie der Susanna und die (meist gestrichene) Buffo-Arie der Marcelline. C-Dur wird einerseits bei Figaro zum ironisierten Symbol des
Militarismus (eine gewollte Banalität der militanten C-Trompeten ist
nicht zu überhören), C-Dur steht aber auch als Symbol für Lauterkeit
und Klarheit für die Gefühlswelt der zweiten Gräfinnen-Arie. Bei der
schon mehrmals erwähnten Rosenarie Susannas ist der Grundcharakter des
naturbeschreibenden 6/8- Andantes in keiner anderen Tonart als F-Dur
denkbar; hier werden die Interdependenzen zwischen Affekt und Form,
zwischen Tonart, Taktart und Tempo besonders augenfällig. Anders ist
die Verwendung von F-Dur in Figaros "Se vuol ballare" zu
interpretieren, ähnlich wie die Verwendung der aufgebrochenen
Menuett-Form wird die Scheingemütlichkeit dieser Tonart mit in Frage
gestellt: nicht in der vorrevolutionären, verbal attackierenden Schärfe
gegen die Existenzberechtigung des feudalen Adelssystems sehe ich die
innovatorischen Züge dieser Szene, sondern vielmehr in Sichtbarmachung
der brüchigen Ambivalenz alter Formen, mit denen Mozart den
Klassenkampf ungemein diffizil darzustellen vermag. Cherubinos Canzonette und Basilios Eselhaut- Arie wählen die weiche
B-Dur-Farbe, verstärkt durch den Gebrauch von Klarinetten anstelle von
Oboen.
Die Klarinetten sind es auch, die den weichen Klang der
Es-Dur-Gräfinnen-Arie bestimmen und den pubertären Ausbrüchen
Cherubinos noch den weichen-kindlichen Hintergrund geben: Er ist noch
kein trompetengepanzertes Mannsbild wie der Graf und Bartolo, er
fasziniert (besonders auch die Damenwelt) durch seine erst erwachende
Männlichkeit, die mit Oboenpenetranz nichts (noch nichts) zu tun hat.
Da Figaro in seiner Arie des vierten Aktes die sirenengleiche
Verlockung der arglistigen Frauen besingt, wählt Mozart auch hiefür das
weich glänzende, werbende und verführerische Es-Dur. Zuletzt bleibt uns
noch ein Blick auf die kurze Cavatina der Barbarina am Beginn des
vierten Aktes, in der sie verzweifelt eine verlorene Nadel sucht. Es
ist das einzige Solostück in Moll in der ganzen Oper, der
Symbolcharakter dieser Tonart bedeutet Erregung, außergewöhnliche
Ereignisse, Unruhe. Und damit deckt sich auch hier vollinhaltlich die
dramaturgische Situation mit dem Symbolwert der Tonarten.
Fassen wir interpretierend die Ergebnisse der Untersuchungen über
Tonartencharakterisierung zusammen, so ergibt sich in bezug auf die
beiden zentralen Paare Graf/Gräfin, Figaro/Susanne, dass Mozart dem
männlichen Diskurstypus den Oboen-Trompetenklang zuweist, der sich aus
der Wahl der Tonart ergibt und durch Allegro-Tempobezeichnungen und gerade Taktart strukturell verstärkt wird. Die Verwendung von dem weiblichen Diskurstypus zugeordneten
Charakterisierungsmitteln verstärkt nur die systemimmanente Differenz. Umgekehrt muss festgehalten werden, dass die C-Dur-Hoffnungsstrahlen
der zweiten Gräfinnenarie jedes Blechgeschmetters entbehren, das Mozart
ausschließlich den männlichen Protagonisten vorbehalten hat. In
Vergleich zu dem opulenten Klang der beiden Gräfinnenarien ist die
Figur der Susanna durchsichtiger und linearer gezeichnet,
dementsprechend reduziert sich auch die Bläserbesetzung im Pastorell
der Rosenarie auf eine Flöte, eine Oboe (hier in der Funktion der
pastorellen Schalmei) und ein Fagott. Und in ihrer Verkleidungsarie
verbinden sich klarinettenlose Instrumentation mit der Buffo-Tonart
G-Dur zu einem vielschichtigen Psychogramm eines Kammermädchens.
Generalisierend könnte man von einer Blech-Macho-Zeichnung der Männer
und einer stärkeren Inanspruchung der B-Tonarten samt der Verwendung
des vom Mozart sehr geliebten "pieksüßen Hölzls", der Klarinette also,
für die verinnerlichtere Gefühls-und Gedankenwelt der Frauen in dieser
Oper sprechen.
Ein geradezu plakativer Unterschied in den Schlussklauseln der Arien
belegt die These männlicher und weiblicher Diskurstypen äußerst
plastisch. ALLE Männerarien weisen nämlich Wendungen auf, die dem
orchestralen Bassgang entsprechen. Das Denken in den harmonischen
Bezügen des Generalbasses ist so groß, dass die Männerstimmen auch bei
Absenz anderer Protagonisten das lineare Fundament eines imaginären
Ensembles bilden. Die Formelhaftigkeit der vokalen Schlusswendungen
entspricht der Formelhaftigkeit der Schlusskadenzen an sich. Die
Gleichung Männerstimme ist gleich instrumentale Bassfunktion findet
sich darüber hinaus natürlich in den verschiedensten Wendungen der
Arien und Ensembles. Instrumentale Bassfunktionen von Kontrabässen,
Violoncelli, Fagotten, manchmal auch Violen werden durch die vokale
Stimmführung verdoppelt und stehen im harmonischen Spannungsverhältnis
des Außenstimmensatzes zu den Oberstimmenträgern Violinen und hohe
Bläser. Ganz anders sind die Schlüsse der Frauenarien gestaltet. Der Finalis-
Ton wird meist vorher umspielt, oft stufenweise erreicht. Im Gegensatz
zu den Schlussklauseln der Männerarien, die die Dominante mit Tonika
auf direktem Weg verbinden, wird das Tonika-Ziel bei den Frauen-Arien
meist über den eingeschobenen Leitton angesteuert. Diese
Schlussbildungen sind an die Stimmführung von Violinen und hohen
Bläsern gebunden, also durch die instrumentalen Oberstimmen des
Orchesters verstärkt.
Wie schon auch bei der Wahl der Tonarten und der
Klarinetten-Instrumentation der Cherubino- Arien, die seine
weich-weiblichen Geschlechtsmerkmale wohl unterstreichen, ist es
darüberhinaus nicht sonderlich verwunderlich, dass sich Cherubino auch
in den Schlusswendungen des weiblichen Diskurs-Typus bedient. Die
Spannung zwischen der dramaturgischen Konzeption dieser Figur als
Hosenrolle und der musikalischen Konzeption mit den Mitteln der
weiblichen Musiksprache wird dadurch mit einem Hauch hermaphroditischer
Erotik versehen.
Der letzte Aspekt, unter dem die Diskurstypen in "Le Nozze di Figaro"
beleuchtet werden sollen, ist das Nachwirken der barocken Figurenlehre
in dieser Oper, analysiert am Beispiel des ersten Duettes Figaro /
Susanna. Am Beginn dieser Szene finden wir Figaro mit dem Ausmessen des Raumes,
in dem das Ehebett stehen soll, und Susanna an einem Spiegeltischchen
sitzend, mit ihrem Hochzeitsschleierhäubchen beschäftigt. Das Ausmessen wird durch kurze Sequenzen ausgedrückt, die mit den
Periodenenden der ersten Violinstimmen ident sind, sich vom Ausgangston
d steigend emanzipieren, dabei den Tonraum d - d" durchmessen, den
plagalen Tonraum von G-Dur also, was schon in Verbindung mit der
Tempovorschreibung Allegro den spielerischen Charakter der ersten Szene
ankündigt.
Dieses Aufsteigen entspricht der Figur ANABSIS, "erhöht" im
übertragenen Sinn wird das Meßtempo und auch die Intensität der
Sachdurchführung. Die Zuordnung von Text zur Musik ist streng
syllabisch, das heißt, es entspricht einer Wortsilbe ausnahmslos ein
Ton. Zudem sehen wir, dass dem Betonungsabfall der italienischen
Zweitsilbe ein Intervallfall entspricht. D-Repetitionen im Horn leiten zum zweiten Thema über, das Susannas
Freude über den Hochzeitsschleier musikalisch bebildert. Auch sie
benützt dazu den Oktavraum, allerdings in der authentischen Form g" -
g". Die Textaufteilung ist im Gegensatz zu Figaro nicht syllabisch, auf
eine Silbe fallen grundsätzlich zwei Töne: Das bedeutet musikalische
Anreicherung im Sinne der MULTIPLICATO- Figur. Anstelle der
Intervallsprünge Figaros treten girlandenhafte Tonumspielungen,
stufenweise Bewegungen also. Und um die entsprechende musikalische
Formulierung für "ch’io son contenta" zu finden, greift Mozart zum
Halbkreis, der CIRCULATIO, mit dem Kommunikationswert: schön! Die
Textwiederholung von "sembra fatto in ver per me" findet durch die
Dreiklangszerlegung eine zusätzliche Verstärkung, wie ja überhaupt das
Mittel der verstärkenden Text- und Musikwiederholungen der EMPHASIS-
Formel entspricht. Während Figaro unbeirrt weitermisst, versucht nun Susanne, seine
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Diesmal bedient sie sich der
Direktheit wegen syllabischer Diktion, die textlichen Wiederholungen
führen gleichzeitig zu einer Raffung, Zeichen wachsender Ungeduld, die
im geradezu penetranten Insistieren auf nur zwei Tönen, nämlich cis und
d kulminieren. Schon vorher haben Notenwertverkürzungen auf dem Wort
"capello" den Unmut über Figaros Desinteresse an Modefragen, mehr aber
natürlich noch an ihr, signalisiert. Und auch diesen rhythmischen
Verkürzungsvorgang findet man unter dem Terminus HYPERBATON
formalistisch eingeordnet. Die Überleitung liegt diesmal nicht so wie zu Beginn in den Hörnern,
sondern in Violen, Violoncelli und Kontrabässen. Die folgende Stelle
zeigt Mozarts psychologisches Feingefühl und seine Erfahrung im
Beschwichtigen des weiblichen Geschlechts. Das Insistieren Susannas hat
Figaro nolens volens aus seiner Tätigkeit herausgerissen, und er
begreift instinktiv, dass er sich jetzt voll Susanna zuwenden muss, um
nicht nochmehr ihren Groll zu erregen. Er wählt daher
beziehungsvollerweise ihren eigenen Diskurstypus und demonstriert damit
Interesse und Identität, und wie durch ein Wunder geht noch eine andere
Rechnung dabei auf: Die CIRCULATIO- Ketten, die bei Susanne ihre
Zufriedenheit ausgedrückt haben, stehen nun bei verändertem Text für
"mio caro, e piubello", bleiben also vollkommen in Deckung mit ihrem
Kommunikationswert innerhalb der Figurenlehre. Betrachtet man die weiteren Einwürfe Susannas, so signalisieren sowohl
die Position auf nicht bevorzugt betonten Taktteilen einerseits, aber
vor allem der vorsichtig angehobene Stufengang und die weichen
mezzoforte- Akzente, dass sie nun mit Figaros Zuwendung zufrieden ist
und nicht mehr um bewundernde Blicke und Komplimente buhlen muss. Figaro repliziert
jeweils im Brustton der Überzeugung, musikalisch mit dem definitiven
Mittel des fallenden Oktavsprungs. Susanna nimmt nun ihren nichtsyllabisch gebundenen Diskurstypus wieder auf und verleitet Figaro, sich ihr und damit auch ihrem Diskurstypus
anzuschließen. Nach seinem kanonischen Einstieg kommt es zum ersten Mal
zu einem Zusammengehen der Stimmen, zu echtem "Duettieren". Man baut
auf gleiche Empfindungen, man spricht dieselben Wörter, die Harmonie
ist durch die konsonante Form der Terz, beziehungsweise der Dezime,
hergestellt. Ein glückliches gemeinsames Atemholen nach einer Generalpause im Sinne der APOSIOPESIS, und beide setzen ihren gemeinsamen textlichen wie
musikalischen Weg fort, nur einmal kurz durch das Liebesecho-Spiel
"Susanna - Susanna, ella stessa - ella stessa" unterbrochen.
In dieser Übereinstimmung geht das Duett zu Ende. Diese Übereinstimmung
hat allerdings die Aufgabe des persönlichen Diskurstypus von Figaro zur
Voraussetzung, Susanna hat sich in jeder Weise durchgesetzt,
unterschwellig vermag Mozart schon in der Exposition dieser beiden
Partien eine Zukunftsvision von den Kräfteverhältnissen in dieser
Beziehung zu geben. Das wäre im Weiteren auch ein Indiz für meine
Annahme, dass eigentlich Susanna der dramaturgisch lenkende und
leitende Kopf der Oper ist.
Gedruckte Quelle
Mozart, Wolfgang Amadeus: "Le Nozze di Figaro", Partitur;
Neue Mozart-Ausgabe (NMA), Serie III, Werkgruppe 5, Band 16; Bärenreiter Kassel und Köln, 1973.
Anmerkungen
1) Mattheson, Johann: Der vollkommene Capellmeister. Hamburg, 1739. Reprint Bärenreiter Kassel und Köln 1969. S 181.2) Krones, Hartmut und R.Schollum: Vokale und allgemeine Aufführungspraxis. Böhlau Verlag Wien Köln, 1983. S 37 ff.Krones, Hartmut: Fragen der Aufführungspraxis am Beispiel W.A.Mozartsin: Probleme der Sängerausbildung, hsg. Leopold Spitzer, Wien 1986. S 148 ff. vergl.auch: Bartel, Dietrich: Handbuch der musikalischen Figurenlehre. Laaber, 1985.3) Beckh, Hermann: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Stuttgart, 1977.4) Quantz, Johann Joachim: Versuch einer Anweisung die Flöte
traversiere zu spielen. 3.Auflage Beslau 1789. Faksimile - Nachdruck Bärenreiter Kassel und Köln 1968, S 108.
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