Salzburger Nachrichten 2006.08.28
Zierlich und bodenständig
„Apollo et Hyacinthus” und „Die Schuldigkeit des ersten Gebots” wurden in der Aula zu einem historischen und einem volkstümlichen Theaterspektakel.
KARL HARB
SALZBURG (SN). Von einer derart üppigen Aufführung wird die Kunstuniversität Mozarteum in Zukunft wohl nur mehr träumen können. Mit Hilfe der Salzburger Festspiele wurde in die renovierte Aula der Universität für drei Aufführungen — Premiere war am Freitag — ein echtes, altes Theater eingebaut. Es sollte die Illusion eines Damals suggerieren. Dankenswerterweise ersetzte man die Kerzen an der Rampe und an den beiden Lüstern doch durch elektrisches Licht und auch Fluchtwegschilder dürften 1767 anders ausgesehen haben. Scheinwerfer auf Beleuchterbrücken sind abwechslungsreicher fort .„Die Schuldigkeit des ersten Gebots” ist der erhaltene erste Teil eines moralisierenden Jesuitentheaters in Gestalt eines herzhaften Stegreifspiels. Nach Art von Votivbildern wurde ein süddeutsch-fröhliches Spektakel mit roten Teufeln (die auch im Publikum herumgeistern), bäuerlichen Typen und Allegorien im Kleid naiver Volksfrömmigkeit in Szene gesetzt. Zwischen den übergroßen Gesetzestafeln des Moses und vor wie im Straßentheater aufgezogenen Prospekten (Ausstattung: Heinz Balthes und José-Manuel Vázquez) spielte sich Buntes ab.
Die Menschenseele folgt doch lieber den Teufeln
Der Streit um die vom Teufel als ,Weltgeist” verführte Menschenseele, die Christgeist, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zum Guten führen möchten, geht bei Mozart — die beiden anderen Teile von Michael Haydn und Anton Cajetan Adlgasser sind verschollen — noch zu auch ziemlich modern, und das Publikum fuhr in Autos des 21. Jahrhunderts vor (oder mit dem Fahrrad) und nicht in Kutschen.
Auf der Bühne aber herrschte die reine, vollendete Historie. Die Sänger des Intermediums „Apollo et Hyacinthus” in lateinischer Sprache traten in farbenprächtigen Barockkostümen auf und zierten sich in ihren gespreizten choreographischen Bewegungen auf die künstlichste Art. Dazu hatte man in der Vorbereitung gar Kurse in historischer Bewegungslehre absolviert. Gemalte Prospekte und eine alte Bühnenmaschinerie (zum Beispiel mit Walzen für Wellen) suggerierten in dieser seltsamen Zeitmaschine noch mehr Authentizität.
Regisseur John Dew, der einst in Bielefeld nicht nur als unermüdlicher Entdecker unbekannter oder verdrängter Opernwerke galt, sondern auch als Bühnenrevoluzzer, dekretierte: , Wir wollen eine Art Destillat unseres Wissens um ein Theater jener Zeit."
Gottlob wurde vom Sinfonieorchester der Universität Mozarteum ziemlich frisch und heutig und erstaunlich pointiert musiziert. Josef Wallnig, der seit vielen Jahren in Salzburg nicht nur für die Opernausbildung junger Sängerinnen und Sänger verantwortlich ist, sondern auch ein Institut für Mozartopern gegründet hat, spornte das Ensemble zu korrektem Musizieren an. Er ließ eine bemerkenswert sorgfältige und engagierte Einstudierung erkennen, und die Stimmen von Anja Schlosser, Christiane Karg, Maximilian Kiener, Jekaterina Tretjakova und Astrid Monika Hofer (in Kleinstrolle: Norbert Steidl) bewiesen hohe individuelle und homogene Qualität. Das war weitaus deutlicher eine Festspiel- und keine „ Studenten"-Aufführung.
Das Niveau an musikalisch-sängerischem Ausdruck und, im zweiten Fall, volkstümlicher Spielfreude setzte sich im zweiten Teil des über-langen Abends erfreulich, ja sogar
Gunsten der Verführung durch diesseitige Verlockungen aus. Hinter dem unverhohlen burlesken, volkstheaterhaften Spiel stecken sauber artikulierende, perlende, koloraturensichere und klar durchgebildete Stimmen von jungen Absolventen und Studierenden der Universität, die es gut und gerne mit größerer Konkurrenz aufnehmen können.
Im Falle Bernhard Berchtolds als Christgeist und Peter Sonns als Christ, der schon länger im Engagement steht, ist die Karriere klar eingeleitet. An deren Anfang stehen Christiane Karg — die mit den Rollen der Melia und des Weltgeists gleich zwei anspruchsvolle Partien souverän bewältigte —, Michiko Watanabe mit reizendem Sopran in Gott-Vater-Maske und Cordula Schuster, deren Stimme so rund wie der Strahlenkranz der Barmherzigkeit wirkt: erfreuliche Talente, die auch ein gutes Licht auf die Salzburger Gesangsausbildung liefern.
Musikalisch wurden die lyrischen wie komödiantischen Situationen sorgsam ausgekostet. Und mindestens ein Genieblitz machte wieder gewaltig staunen: die Christarie „Jener Donnerworte Kraft” mit einer Soloposaune, die allergrößte Wendigkeit und Virtuosität erfordert. Salzburg 1767 musste höchstrangige Musiker gehabt haben, wenn sie so etwas „derbliesen”. Weitere Bilder: www.salzburg.com/sn |