Frankfurter Rundschau 28/8/2006 Verratenes
Liebesverwirrspiel, verratenes Meer
VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Wer Geduld hatte und bis
zu den letzten Festspieltagen ausharrte, bekam doch noch ein paar kalte
Mozart-Duschen mit. Knapp akzeptabel allenfalls John Dews Doppelinszenierung
der ganz frühen Werke Apollo et Hyazinthus und Die Schuldigkeit des
ersten Gebots, jenes als penibel stilisiertes Barocktheater, dieses als
deftige Bauernstadl-Gaudi mit krachledernen Späßen und einem nimmermüden
Trommelfeuer katholischfolkoristischer Allotria. Immerhin konnte der Dirigent
Josef Wallnig mit dem Sinfonieorchester der Universität Mozarteum (-in der
Universitätsaula) und potenten Sängern (wie Jekaterina Tretjakova, Anja
Schlosser und Maximilian Kiener) auf immense musikalische Empfindungsbezirke
bereits beim vorpubertären Kind Wolfgang Amadé aufmerksam machen - und
durchaus auf einen latent parodistischen Zug in der Tonsprache der geistlichen
Erbauungsepistel von der Schuldigkeit, der sich mühelos auch dem losgelassenen
Klamauk eines John Dew (früher ein wirklicher Regisseur, noch kein
zuckerlspenderisch-konditorhafter Tausendsassa) mühelos anpasste.
Aus der provinziellen Mottenkiste
Ganz daneben war dann freilich die von Doris Dörrie im
Landestheater szenisch angerichtete Finta Giardiniera, eigentlich ein
auf närrische Weise ernstes Liebesverwirrspiel in den unmittelbaren Vorhöfen
der späten sieben Meisteropern (mit der auch für Giovanni benutzten
Genrebezeichnung „dramma giocoso“) und mit entsprechender Gravität einst
legendär inszeniert von Ursel und Karl-Ernst Herrmann für Brüssel (mit einem
Salzburger Gastspiel in der Mortier-Ära), diesmal eine öde, schrille Klamotte, von der man
sich nur mit Grausen abwendete. Auch der Dirigent Ivor Bolton schien
gegenüber Zaide / Amanda wie ausgewechselt, führte ein beherzt, aber
gröblich agierendes Vokalensemble samt Mozarteumorchester.
Die Gesamtzahl der 22 Mozarts
Bühnenwerke
war im Jubiläumsjahr wohl nicht in jener Modellhaftigkeit zu stemmen,
wie sie der Festspielort sich in Bezug auf
die chef d´œuvres
zu gewöhnlichen Zeiten zur Pflicht
macht. Die pure Quantität ist als Organisationsleistung schon
anerkennenswert, und Qualitätsgefälle war angesichts von mancherlei
„Zulieferungen` hinzunehmen. In einigen Fällen (Zauberflöte Lucio
Silla) mochten sich Flüchtigkeiten, Unachtsamkeiten
der künstlerischen Planung auswirken. Dass
Peter Ruzicka sein imposantes Mozartgebäude
ausgerechnet mit Dörrie als Schlussstein verderben musste, ist mit dramaturgisch
animierter „Methodenvielfalt” keineswegs
mehr zu beschönigen; die Maßnahme,
ausgerechnet die diffizile Finta Giardiniera absehbar in
die provinzielle Mottenkiste zu packen,
bleibt eine ärgerliche Fehlentscheidung.
Die letzten Salzburgtage brachten auch anrührende
Begegnungen mit lebenden Komponisten.
Pierre Boulez und die Wiener Philharmoniker
traten auf mit der Uraufführung des Trompetenkonzertes ...miramondo
multiplo der 38-jährigen Österreicherin Olga
Neuwirth, die, ohnedies eine Verehrerin ausgewählter amerikanischer Kulturphänomene,
diesmal ohne jedes Zähnefletschen und avantgardistische Gestikulieren eine leichthändige fünfsätzige Hommage an
die Virtuosität und Ausdruckskunst eines Miles
Davis bot (mit dem jazzerfahrenen Solisten Hakan Hardenberger). Der
chinesische Klavierstar Lang Lang spielte
anschließend mit disziplinierter
Theatralik und frappierendem Nuancenreichtum Mozarts G-Dur-Konzert KV 453. Spannend die feinnervige
Begleitung des Antistars Boulez, der in der ersten Programmhälfte
bereits umsichtig und abgerundet die Gran
Partita mit dreizehn Bläsersolisten
vorgetragen hatte - hochprofessionelle Demonstration einer Musik, die
dem 81-Jährigen wohl nicht so nah steht wie
vieles andere, deren eigentümlich existentiell grundierte Serenität er
nun aber idiomatisch einlässlicher beherrscht (oder
sich von ihr beherrschen lässt) als weniger alterfahrene Interpreten.
Als besondere künstlerische
Attraktion figurierte noch die
konzertante Wiedergabe der 1990 uraufgeführten Oper Das verratene Meer von
Hans Werner Henze in einer Neufassung in japanischer Sprache unter dem Titel Gogo no eiko. Der Dirigent Gerd
Albrecht hatte sich bereits während seiner Tätigkeit in Japan dafür stark
gemacht, dieses Stück gewissermaßen wieder zurückzuübersetzen in die Sprache Yukio Mishimas, dessen Erzählung ja zum
Ausgangspunkt des Librettos von Hans-Ulrich
Treichel wurde. Die Wiedergabe mit
dem Orchestra Sinfonica Nazionale della Kai (also italienischen
Radiomusikern) unter Albrechts Leitung im
Großen Festspielhaus war auch deshalb ein Ereignis, weil der Komponist - nach
seiner schweren Krankheit geradezu ein Mirakel
- wieder persönlich anwesend sein konnte.
Schon am Vorlage hatte er der Uraufführung eines Fernsehfilms von
Norbert Beilharz über seinen Briefwechsel
mit Ingeborg Bachmann beigewohnt Der Wert des Filmes besteht im
dokumentarischen Charakter der beiden 80-jährigen „Hauptdarsteller, und es
erstaunt, wie unvernarbt die Wunden dieser
schwierigen „Arbeitsfreundschaft” für den überlebenden Henze
nach wie vor sich dartun, wenn man seine liebevollen,
eifersüchtigen, gelegentlich auch giftigen Kommentare (die Rolle des
Bachmann-„Lovers” Max Frisch!) wahrnimmt.
Schöner Hauch von Illusionismus Gogo no eiko wurde verständigerweise fast durchweg von japanischen Sängern intoniert,
dramatisch eindringlich von dem Tenor Jun Takahashi als Noboru, mit dessen
verquer-aufbegehrender psychischer Intensität sich der Komponist wohl am
meisten identifizierte (ein gutes Stück Henze steckt aber auch in der die
Erwachsenenwelt verachtenden Jugendbande). Lyrisch aufblühend die erotisierte
Mutterfigur von Mari Midorikawa, ins Ungute (einer die „Männlichkeit“
verratenden Toleranz) schillernd die
Gutartigkeit des Pseudovaters von Tsuyoshi
Mihara. Ein dezentes Lichtdesign (Isao Takashima) vermittelte der
Präsentation einen angemessenen Hauch von atmosphärischem Illusionismus. Mit großer Einfühlsamkeit und ohne effektheischende
„Drücker” brachte Albrecht die Musik zum
Vortrag, die vor allem in den mannigfach geschichteten, hochdifferenzierten Orchesterklängen (auch bei expressiven
Zwischenspielen) ihre Eigensprachlichkeit manifestiert. Es gibt hier einen nur
dieser Oper zugehörigen flutenden, entgrenzten, bald dunkel-lastenden, bald
silbrig schimmernden „Sound”, in dem sich die immanente
Hauptgestalt, das »verratene” Meer,
als eine stets auch von Seelenturbulenzen bewegte „Naturkraft“
wie nirgendwo sonst sinnfällig macht. |