Abendzeitung 2006.8.28
Naivität in Noten
Robert Braunmüller
Ohne des Teufels Barmherzigkeit säßen wir wohl
noch immer in der Salzburger Uni-Aula. Er holte – als Inszenierungs-Gag – den
fast sündenlosen Dirigenten Josef Wallnig vom Pult und machte gottlob Schluss
mit dem nicht enden wollenden Final-Terzett des geistlichen Singspiels
"Die Schuldigkeit des Ersten Gebots" (1767). John Dews Inszenierung
verwandelte Mozarts allererstes Bühnenwerk – er war beim Komponieren zehn
Jahre alt – in derbes Volkstheater. Sankt Petrus, ein
Kapuziner und die gnadenreiche Madonna stiegen aus Votivbildern herab und
kämpften mit dem rotschwänzigen Teufel um die schlafmützige Christenseele. Die
vernahm die Ewigkeit des Donnerworts von einem Posaune blasenden Engel aus dem Zuschauerraum. Aber der
parodistische Aufwand machte die endlosen Da-capo-Arien des Wunderkinds Wolferl
nicht wirklich interessant.
Auf der Bühne überlebt,
was dem gegenwärtigen Zuschauer etwas zu sagen hat. Von Mozarts Opern vor „Idomeneo",
1781, kann man das nicht sagen. Aber so recht traut sich das im Jubiläumsjahr
niemand zuzugeben. Wer Mozart nicht vorbehaltlos huldigt, bringt sich in den
Verdacht, pervers zu sein, So gähnte das Publikum nur verstohlen und
jubelte den
vorzüglichen Mozarteums-Absolventen zu,
die vom historisch halbinformierten Sinfonieorchester der Universität
motorisch-forsch begleitet wurden.
Wenn auf der „Schuldigkeit des Ersten Gebots”
nicht der berühmte Name "Mozart" draufstünde, würde sie in den Archiven
schnarchen.
Gleiches gilt für „Apollo et Hyacinthus”, Mozarts
zweite Oper, ebenfalls aus dem Jahr 1767. Der interessierte sich nicht weiter
für den antiken Mythos, dem ein wackerer Salzburger Benediktiner als Librettist
die Schwulitäten ausgetrieben hatte, sondern wandte viel Rekonstruktions-Eifer auf den überflüssigen Nachweis,
barockes Kulissentheater
sei affektiert und langweilig gewesen.
Den kompletten „Mozart 22” konnten sich ohnehin nur amerikanische Millionärs-Pensionisten leisten. Aber auch sie sind hinterher
kaum klüger, denn das Projekt huldigte ausschließlich dem Genie und vermied es, Mozart in den Kontext seiner
Zeit zu stellen.
Es gab in Salzburg kein einziges Konzert, in dem man das Wunderkindwerk mit
seinen Zeitgenossen vergleichen durfte. Ohnehin sind die Jugendopern seit
Jahren beim der Salzburger Mozartwoche gegenwärtig. So wirkte das
Entdecker-Pathos des Intendanten Peter
Ruzicka etwas gezwungen. Um
wirklich vernachlässigte Werke wie Mozarts
wunderbare Streichquintette kümmerten
sich die Salzburger Festspiele heuer nicht.
Mit seiner Bilanz kann Ruzicka am Ende
seiner Ära nach fünf Jahren trotzdem zufrieden sein. Der zurückhaltende
Nachfolger von Gschaftlhuber Gerard Mortier
bemühte sich seit 2001 um eine
gemäßigte Weiterführung des Reformkurses und schaffte den
überfälligen Umbau des Kleinen Festspielhauses zum neuen "Haus für
Mozart".
Auf die zeitweise wacklige
Programm-Säule mit Exil- Komponisten setzten Schrekers ,Die Gezeichneten” voriges
Jahr einen beachtlichen Schluss-Stein. Das Strauss-Spätwerk konnte Ruzicka zwar nicht rehabilitieren, und die Absage
von Olga Neuwirths Opernprojekt war eine ärgerliche Pleite.
Mancher ärgerte sich
über die Rückkehr der Society im Gefolge des Netrebko-Rummels. Der aber machte es möglich, dass
anspruchsvolle Inszenierungen wie aus Guths „Figaro” plötzlich wieder im TV- Abendprogramm möglich sind.
Diese, neue Aufmerksamkeit für die Festspiele ist ein Erfolg
Ruzickas. Darum muss man nicht gleich in kulturpessimistische Kommerz-Ängste verfallen. Und nach allem, was sein
Nachfolger Jürgen Flimm bislang andeutete, wird man sich bald nach dem kühlen Komponisten Ruzicka- zurücksehen. Robert Braunmüller |